In der Imagination reduzieren Schemata aus einer komplexen Geschlossenheit auf einfachere Verhältnisse. Diese kommunikationspraktikablen Verkürzungen und verzerrenden Heraushebungen, verstellen und ersetzen das Eigentliche (unauflösbare, impulsüberschüssige) eines Kunstwerks, seine Totalität.
Der Abgrund zwischen traditionellem Werkbegriff und der unhintergehbaren Konstitutionsfunktion des Kommunikativen wird sichtbar.
Begriffliche Abstrakta substituieren in papierener Leichtigkeit, wandeln vorstellungsmäßig zum Verfügbaren, eignen an.
Trophäenartig besetzen Metamorphosen die Wand, auf der sie den Bericht über ein inneres Jagdglück abgeben. Wer sich ihnen assoziierend nähert, erfährt zunächst, was dazu bewogen haben mag, in der Entwicklung aus sich selbst heraus lebender Gebilde zu verarbeiten, mit eigenen Gedanken und Empfindungen zu tränken, was ein beobachtendes, registrierendes, sammelndes, ordnendes, organisierendes Auge zugeführt hat. Da ist es dann so, als begleitete man auf (Pirsch-) Gängen, beim Begehen und Ausmustern […] {1}
1/ aus: Herwig Steiner (1956L), Kunst der Attrappe, Andreas Manak (Hg.), Friedrich J. Reif-Breitwieser (Hg.), Passagen Verlag Wien, 2019, S.40
Kompositionen der Attrappen, jene irritierende Vorstellung, sogenannte „Täuschungsobjekte“ und deren Inszenierungen, also „Nicht-Kunstwerke“, die als Kunstwerke auftreten können, wären konstruierbar, (sind konstruiert worden).
(Wenn es so etwas wie Kunstwerke gibt, dann muss es auch, so die Erwägung, ihre Negation geben, und zwar nicht nur im Sinne ihrer gewöhnlichen Umgebungen, wovon sie sich abheben. Sondern es muss auch etwas vorstellbar sein, dass zwar den ersten äußeren Anschein eines Kunstwerks repräsentiert, seine essenziellen Eigenschaften jedoch nicht besitzt,[…] {1}
1/ aus: Herwig Steiner (1956L), Kunst der Attrappe, Passagen Verlag Wien, 2019, S.13
Wieviele Spuren trägt wohl ein und derselbe Ort?
Begegnungen, die ihrer Eindimensionalität wegen nicht stattfanden. Manch Rest verschüttete die Zeit. Da liegen die Grabungsfelder, exakt vermessen, ein blankpoliertes Nichts. Schicht um Schicht wird akribisch abgehoben, die Fundstücke geborgen, ihren Orten entrissen verlieren sie ihre letzte Bedeutung. – Rundum Kahlschlag des Geschehenen.
Der Kokon, aus dem das Leben entwich, eine Hülse, Leere mit wechselnder Interpretation zu füllen, bevor er endgültig verfällt.
– Faltung und Strandgut als Preis für die Vereinnahmung durch die eigene Erkenntnisstruktur.
Der Funde Wirklichkeit ist ungreifbar: – umringt von Aussagen aus dritter Hand. Vielfältige Reaktionen entfernen sich immer mehr vom Ursprung und übernehmen die Funktion des Bedeutungsträgers; – Hagiographien. Die Transkription der Erinnerung gelingt nicht; – der ideale Aufbewahrungsort.
Imaginative Substanzen stürzen von der Geschwindigkeit des Entfernens. Schicht für Schicht überwerfen sie sich und werden wiederum überlagert. Die Struktur sintert in der Oberfläche und verfällt ins Chaos. Unerreichte Wirklichkeiten, lebendiges Ordnen; – der Wissenschaft von der Vergangenheit hilft nur das Bekenntnis zur Attrappe. {1}
1/ aus: aus: Herwig Steiner (1956L), Kunst der Attrappe, Passagen Verlag Wien, 2019, S.37 sowie Kat. Herwig Steiner Objekte 1988,Cover Rückseite
Seit der Moderne wird von Kunst erwartet, wenngleich selten erfüllt, sich kritisch zu den bestimmenden gesellschaftlichen Kräften zu verhalten. Ob diese asketische Haltung tatsächlich eine Möglichkeit besitzt, ob sich Momente der Unabhängigkeit eröffnen, die unvermessbar der Einverleibung in das Allgemeine sich widersetzen, wollte ich sehen.[…] {1}
1/ aus: Herwig Steiner (1956L), Kunst der Attrappe, Passagen Verlag Wien, 2019, S.48
Eine Kunst der Attrappe exponierte jahrelang Betrachtersouveränität.
„Jenes Sehen, sich selbst betrachten zu lassen, zu beobachten, ob es sich dabei erkennt, ist den Attrappen gegeben.“
Als Frage, ob Konvention, ihre Sucht nach Vereinfachung, nach Identischem, die aus ihren Elementen hergestellten Fallen begreift, sie umgeht und zerlegt oder ob ihre Zuordnungen sich „trophäenartig“ zu einer neuen performativen Kunstform ausbilden. […] {1}
1/ aus: Herwig Steiner (1956L), Kunst der Attrappe, Passagen Verlag Wien, 2019, S.12
Rechts: Herwig Steiner (1956L), o.T. / Objekt 1988-89/I / Objekt auf weißem Feld, Aquarellpapier, geleimt, Aquarell, Tempera / 146×90 cm
der Betrachter, an ihre Erwartungen und situativen Intentionen.
Sie stellt ab auf Erkennbarkeit und Zuordenbarkeit im Konventionalen und strukturiert so den Wahrnehmungs- und Benennungsprozeß der äußeren Erscheinung eines Bekannten.
Das Manöver der Täuschung evoziert die reine „Eigenleistung“ des Bewußtseins und läßt so das jeweilig zugeordnete Wissen gewinnen. […] {1}
1/ aus: Herwig Steiner (1956L), Kunst der Attrappe, Passagen Verlag Wien, 2019, S.51
1/ aus: Herwig Steiner (1956L), Kunst der Attrappe, Passagen Verlag Wien, 2019, S. 91
Damit sprechen wir von einem Wechsel der Fokussierung, (weg) von den Konstruktionen eines künstlerischen Subjekts (hin) zu jenen eines Publikums, die künstlerische Aufmerksamkeit richtete sich nun auf die Bewusstseinsleistungen der Beobachter.
Letztere bestimmten über die ihr gemäße Rahmung, den Status ihrer Reflexivität, entweder einer Rekonstruktion ihrer Erwartungen, (wie vor Kulissen), den Vorzug zugeben, oder einer gedanklichen Zerlegung der Attrappe. Die Inszenierungen besetzten so eine soziale Praxis (die Rolle der Betrachter). […] {1}
1/ aus: Herwig Steiner (1956L), Kunst der Attrappe, Passagen Verlag Wien, 2019, S. 51 f
Rechts: SO / 91–92 / 120J / X / B XXX / 11/1992, 1992 / Sammlung Museum Moderner Kunst, Stiftung Ludwig Wien
Links: Arbeiten von Jakob Gasteiger
Entscheidend war jener Glaube an die Benennbarkeit als das wesentliche Material. Er gab eine Wahl ab, entschied über die Kunst der Attrappe, initiierte sie. Zwar waren die Täuschungsobjekte keine Bestimmung, nur Potential. Die später gesammelten textuellen Reaktionen gaben ausreichend Hinweise, für welchen Ausgang, als angelegten Maßstab, das Publikum selbst sich entschied.
Die Leistungen eines vorstellungsmäßigen, ergänzenden, alles determinierenden Zuschuss‘ zur Selbststabilisierung des eigenen Erwartungswissens durch die Partizipierenden vollendete die Kunst der Attrappen. Auf dieser Ebene verwandelten sich dann die Inszenierungen in theatralische Ereignisse. {1}
1/ aus: Herwig Steiner (1956L), Kunst der Attrappe, Passagen Verlag Wien, 2019, S. 57
Ab diesem Punkt der Kompositionsdynamik waren die Beteiligten zur Substanz der Kunst der Attrappe gehörig. Ein Verschmelzen von Kunst, Leben und Kunstbetrachtung. Während dieser Phase der Verkennung schöpfte sich Kunst mittels „ihrer Bewusstseinsbewegungen“ aus sich selbst heraus, betrachterlos. {1}
1/ aus: Herwig Steiner (1956L), Kunst der Attrappe, Passagen Verlag Wien, 2019, S. 57
Die Täuschungsobjekte waren vielschichtige Assoziationspotentiale, komponierte Lockmittel, wo sich (vermeintliche) Vorstellungsübereinstimmungen verfingen, eher als dass dies in eng kontrollierbare Benennungsbereiche hätte führen können. Sie mündeten zu keinem eindeutig vorhersehbaren Verkennen, prägten eine Spur des Zufalls. Diese Anschauungsobjekte wurden zu Attrappen erst in dem Moment, als jenes Erkennen (ihrer kompositorischen Struktur) scheiterte, ihre Subversion gelang, im Moment der „Verkennung“ (als paradoxe letztmögliche Gewissheit eines „Nichtidentischen“). […] {2}
1/ aus: Herwig Steiner (1956L), Kunst der Attrappe, Passagen Verlag Wien, 2019, S. 87
2/ aus: Herwig Steiner (1956L), Kunst der Attrappe, Passagen Verlag Wien, 2019, S. 88.
In diesem daraus sich ergebenden Spannungsfeld von Autonomieanspruch versus wertereproduzierender Erwartung, setzen die im Text skizzierten Inszenierungen und Rahmenwechsel ein.
Folgt man dann der Konzeption der Attrappe, so gilt, sofern die Attrappen nicht aufgelöst wurden, eine Verkehrung traditioneller Subjekt–Objekt-Verhältnisse. Das Fachpublikum beschreibt also nicht, so wie es vermeint zu tun, Kunstobjekte, (die Attrappen figurieren lediglich als Katalysatoren), sondern es werden, wie gesagt, die konventionellen Verweisfunktionen, die abiträre Erfüllung der Erwartungen aus dem jeweilig verfügbaren Sprachvermögen abgebildet. Dieser Mangel an Selbstreflexivität ist entscheidend. Er hebt die traditionelle Betrachterposition (Metaebene) auf. Die Ausstellungsbesucher werden zum funktionalen Teil der Inszenierung. Jene dabei entstandenen textuellen „Interpretationen“ sind Spuren theatralischer Ereignisse. In ihnen die Reproduzenten konventionaler Ordnung.
Der Rahmen wird also gewechselt: Vermeintliche Kunstausstellungen umschließen die ahnungslosen Akteure zu Aufführungen der vorherrschenden Machtverhältnisse und der damit verbundenen Überzeugungen. Ein Schauspiel. Es stellt dar und hebt auf.
[…] „Konvention,…, als das zeitbedingte „Allgemeine“, sieht sich selbst, durch uns hindurch, in Anbetracht von Kunst.“
Es ist richtig: Entweder ist etwas ein Kunstwerk oder es ist keines. Dazwischen gibt es nichts. {1}
1/ aus: Herwig Steiner (1956L), Kunst der Attrappe, Passagen Verlag Wien, 2019, S. 99 / Anm. 33









