Textausschnitt: Herwig Steiner (1956L), Kunst der Attrappe, 2019  |  08

extract / Herwig Steiner (1956L), Kunst der Attrappe, 2019  |  08

Ladies and Gentlemen!

Fine art, its contemplation (direct impressions and the backward gaze of perception through the insertion of knowledge and one’s own experiences) always grants only contemporary perspectives. The object in focus evokes only ideas, something from the inner lives of the interested. It remains, even on its narrative level, hermetic to the extent that it maintains a distance to the convention internalized by the respective audience.
Convention, as the time-based ‘general,’ sees itself, through us, in the viewing of art.

What can be experienced directly and what is experienced third-hand, from education, thus not created by us, this multiple derived in us? And how are the gaps in this “knowledge” so quietly closed that we never lose our inner balance?
(Who wants to hear it?) There is no escape from the ideological.

What has accumulated within our deepest layers, from the language and value-medley of a temporal socio-cultural constellation into which we are all born through a twist of fate, what registers from outside, defines us and our points of view. We are historical beings. Already in the preliminary stages of orientation, before our conscious awareness, our pre-formation exercises its control over us unnoticeably in the pre-selection from the excess of impulses to be managed. Strictly speaking, it is not possible to differentiate between perception and its objects.
The constitution of perceivable objects is already part of the construction of perception; everything reflexive occurs afterwards.
Irony or an analytical approach: the claim would be naïve if it meant sovereignty. Beyond the world of impulses, where would that be?

English interpretation / Charlotte Eckler / Lisa Rosenblatt / Herwig Steiner (1956L) / 2021

Meine Damen und Herren!

Bildende Kunst, ihre Betrachtung, (unmittelbare Eindrücke und der rückwärts gerichtete Blick der Wahrnehmung durch Einspielungen von Wissen und eigenen Erfahrungen), gewährt immer nur zeitgenössische Perspektiven. Das fokussierte Objekt evoziert nur Vorstellungsbilder, etwas aus dem Inneren der Interessierten. Es bleibt, auch auf seiner erzählenden Ebene, in dem Grade hermetisch, inwieweit es Abstand zur vom jeweiligen Publikum verinnerlichten Konvention hält. Letztere, als das zeitbedingte „Allgemeine“, sieht sich selbst, durch uns hindurch, in Anbetracht von Kunst.

Was also ist direkt erlebbar, was an Erfahrung ist aus dritter Hand, aus Bildung entnommen, also nicht selbst aus uns hervorgebracht, dieses mehrfach Abgeleitete in uns? Und wie werden die Lücken in diesem „Wissen“ so leise geschlossen, damit wir unser inneres Gleichgewicht nie verlieren?
(Wer will es hören?) Dem Ideologischen ist nicht zu entkommen.

Dieses, aus Sprache und Wertegemisch einer zeitlich – soziokulturellen Konstellation, in die wir alle geboren wurden durch die Laune des Schicksals, dieses von außen Eingetragene, bis in tiefe Schichten in uns Akkumulierte, bestimmt uns und unsere Sicht. Wir sind historische Wesen.
Schon in Vorstufen unserer Orientierung, vor der bewussten Wahrnehmung, unmerklich, in der Vorauswahl aus dem zu bewältigenden Impulsüberschuss, übt unsere Präformation ihre Herrschaft über uns aus. Streng genommen, kann nicht zwischen Wahrnehmung und ihren Objekten unterschieden werden. Die Konstituierung von Wahrnehmungsobjekten ist schon Teil der Wahrnehmungskonstruktion, alles Reflexive ein Danach. Ironie oder analytisches Vorgehen, der Anspruch wäre naiv, wenn damit Souveränität gemeint wäre. Jenseits der Welt der Impulse, wo wäre das?

bearbeiteter Ausschnitt / Kunst der Attrappe / (1985-2017 © Herwig Steiner 1956L)

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