Herwig Steiner (1956L), Prod 46vk / Zeichnung/digitalisiert (no AI), 18.6.2026 / (331,2x244,0cm)

© Herwig Steiner (1956L), Prod 46vk / Zeichnung/digitalisiert (no AI), 18.6.2026 / (331,2×244,0cm)

Wer würde die Rolle der Betrachter überbewerten? {1} / Who would overstate the role of the beholder? / 2026

1/ aus: Herwig Steiner (1956L), Kunst der Attrappe, Andreas Manak (Hg.), Friedrich J. Reif-Breitwieser (Hg.), Passagen Verlag Wien, 2019, S.40

[Ihr einst] anarchischer Charakter versinkt im alles verschlingenden Gemeinplatz. [Beliebiges ersetzt ihre Freiheit]. Mit dem Geifer {8} erst einmal in Berührung, ist sie genötigt zu schwätzen, eine Entscheidung, durch die Kunst auf ihre innerste Eigenart verzichtet, um sich dem Allgemeinen anzuschließen, um die Allgemeinheit zu werden. Ihr ist dann gestattet, sich [aufzublähen], entrüstet zu sein, „einen Charakter“ zu zeigen und sogar ein „Original“ zu sein, das heißt, die Gemeinplätze in einer noch nie dagewesenen Weise zusammenzustellen: Man lässt ihr die Freiheit, in Grenzen subjektiv zu sein. Und je subjektiver sie innerhalb dieser engen Grenzen sein wird, um so mehr wird man es ihr danken: denn sie wird hierdurch beweisen, daß das Subjektive nichts ist und daß man keine Angst davor zu haben braucht.

[…] [Its once] anarchic character is lost in the all-devouring commonplace. [haphazardness replaces its freedom] Once in contact with the drivel, it is compelled to chatter away, a decision through which art renounces its innermost individuality to join with the generality, to become generality.
It then has the right [to swell], to be indignant even, to display its own personality, and even to be ‘an eccentric,’ that is to say, to bring commonplaces together in a hitherto unknown way: it is given the possibility of being subjective within limits. And the more subjective it becomes within these narrow frontiers, the more thankful people are; because in this way it demonstrates that the subjective is nothing and that there is no reason to be afraid of it.[…]

(Negationen / Textausschnitt / Gesetz und Verbrechen Film 2025)
8 Nathalie Sarraute; Tropismes, Roman, dt. Übersetzung: Tropismen, Max Hölzer, Klett – Cotta, 2004 S.8 aus: Kunst der Attrappe S.39

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